Ansichtskarten von der Front

Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel zeigt den Ersten Weltkrieg aus Sicht vieler Familien am Niederrhein

NIEDERRHEIN. Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Diese „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ forderte fast 17 Millionen Menschenleben. Das LVR-Niederrheinmuseum in Wesel nähert sich den Schrecken des Krieges mit Hilfe privater Nachlässe vom Niederrhein. Die Sonderausstellung „Unsere Familie im Ersten Weltkrieg“ wird heute um 15 Uhr eröffnet und zeigt bis zum 30. Dezember Fotos, Feldpost, amtliche Dokumente, Orden und weitere persönliche Gegenstände, die 80 Leihgeber aus den Kreisen Wesel und Kleve zur Verfügung gestellt haben.

„Unsere Familie im Ersten Weltkrieg“ heißt die aktuelle Sonderausstellung im LVR-Niederrheinmuseum Wesel. Viele der präsentierten Feldpostkarten, Briefe und Erinnerungsstücke sind private Leihgaben aus den Kreisen Wesel und Kleve. Mehr auf Seite XX.                                                                        Foto: LVR

Eigentlich war die Sonderausstellung zum 100. Jahrestag des Kriegsausbruchs geplant. Doch weil das Preußen-Museum kurz vor der Schließung stand und erst im Frühjahr 2018 als LVR-Niederrheinmuseum wiedereröffnet wurde, verzögerte sich der Plan um mehrere Jahre. Museumsleiter Dr. Veit Veltzke war es ein besonderes Anliegen, dass die Ausstellung eben nicht den „Ersten Weltkrieg am Niederrhein“ oder die „Heimatfront Nieder-rhein“ in den Mittelpunkt stellt, sondern die kleinen und großen Familiengeschichten erzählt. Ein Aufruf vor fünf Jahren, geerbte Familienstücke aus Großvaters oder Urgroßvaters Zeiten zum Museum zu bringen, brachte eine enorme Resonanz.
4.000 Einzelobjekte, von der Feldpostkarte bis zum Eisernen Kreuz Erster Klasse, erhielt das Museum als Leihgabe oder Schenkung. „Im Ersten Weltkrieg nahm die Feldpost ungekannte Ausmaße an“, sagt Dr. Veit Veltzke. „Soldaten und Angehörige aus allen kriegsführenden Ländern verschickten in diesen Jahren 60 Milliarden Ansichtskarten, Briefe und Päckchen. Das entspricht 16,7 Millionen Sendungen pro Tag: eine unvorstellbare Zahl!“

Ansichtskarten waren das Hauptkommunikationmittel der Kriegsjahre. „Meist zeigten sie die offiziellen Propaganda-Motive, oft aber auch Fotos, die die Soldaten selbst gemacht hatten und die von den Zensurstellen freigegeben worden waren“, sagt Helmut Langhoff, Wissenschaftlicher Referent des LVR-Niederrheinmuseums und Kurator der Sonderausstellung.

Das Museum zeigt die Fotos und Feldpostkarten als großformatige Reproduktionen, wodurch ihre Optik und Wirkung enorm verstärkt wird. Ein rasch aufgenommenes Soldatenfoto im Schützengraben wird zum ausdrucksstarken Kunstwerk, die Gesichter auf Familienfotos, die kurz vor der Verabschiedung des Vaters oder Ehemannes in eine ungewisse Zukunft aufgenommen wurden, zeugen von Schmerz und Existenzängsten.

Abschied von Wesel in den Krieg: Die Familien auf diesem Foto sind unbekannt. Das Niederrheinmuseum hofft, dass die Besucher der Ausstellung oder auch die NN-Leser weiterhelfen können.
Fotos: LVR
Gerhard Meyer, 1892 in Xanten geboren, wurde im Ersten Weltkrieg verwundet und galt danach als „schwerkriegsbeschädigt“.

„Die anfängliche Euphorie, die man aus der frühen Feldpost herauslesen kann, fällt im Laufe der Jahre ab und weicht zunehmend Zweifel und Desillusion“, sagt Helmut Langhoff. „Fundamentale Kritik war aber selten“, sagt der Kurator und führt die Linientreue nicht nur auf die Zensur der Feldpost zurück: „Die Deutschen sahen sich in einer Verteidigungsposition“ und gingen von einem schnellen Kriegserfolg aus“. An der Heimatfront, auch am Niederrhein, lag die Hauptlast derweil auf den Schultern der Frauen, die den Familienalltag in wirtschaftlich angespannten Zeiten allein bewältigen mussten.
Die Sonderausstellung „Unsere Familie im Ersten Weltkrieg“ versteht Museumsleiter Dr. Veit Veltzke keinesfalls als Schlusspunkt der Recherchen: „Wir erwarten, dass sich nun noch viele weitere Familien bei uns melden, und begrüßen das ausdrücklich.“ Es sei erfreulich, wie viele private Erinnerungsstücke schon nach dem ersten Aufruf aus Kreis Weseler und Kreis Klever Haushalten „wiederentdeckt“ worden seien. In manchen Fällen hätten die Erben erst mit Unterstützung des LVR-Niederrheinmuseums die Sütterlinschrift ihrer Ahnen entziffern können und wären dabei auf manches Detail aus der eigenen Familiengeschichte aufmerksam geworden.
Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel, An der Zitadelle 14-20, ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 4,50 Euro, Studenten, Auszubildende und Menschen mit Behinderung zahlen 3,50 Euro. Für Besucher bis 18 Jahren ist der Eintritt frei. Mehr Infos unter Telefon 02851/339966-0 oder www.niederrheinmuseum-wesel.lvr.de