Heinz van de Linde, Ruth Warrener, Rahel Schaller und Johannes Janßen (vl) von der Gocher Stolperstein-Initiative laden herzlich zur Gedenkveranstaltung und zur anschließenden Lesung im Museum Goch ein.NN-Foto: CDS

GOCH. Die schrecklichen Geschehnisse der Reichspogromnacht liegen inzwischen 80 Jahre zurück. Damals, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, gingen in ganz Deutschland die Synagogen in Flammen auf, jüdische Friedhöfe wurden verwüstet, Geschäfte und Wohnungen zerstört.

„126 Jahre lang stand die Synagoge in Goch, bis sie in dieser Nacht abbrannte“, berichtet Pfarrerin Rahel Schaller, „und der Feuerwehr war es verboten, zu löschen.“ Die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors möchte die Stolperstein-Ini­tiative Goch wachhalten. So ist am kommenden Freitag, 9. November, ab 17 Uhr, ein Programm ge­plant, zu dem alle Interessierten herzlich eingeladen sind. An den Stolpersteinen auf der Brückenstraße 37, Weezer Straße 29, Voßstraße 5, Blumenplatz 4 und Mühlenstraße 51 gestalten Schülerinnen und Schüler der Leni-Valk-Realschule, der Gaesdonck und der Gesamtschule Mittelkreis das Gedenken. Dort werden auch Kerzen entzündet. „Sie symbolisieren die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die in Goch ihre Heimat hatten“, so Rahel Schaller. Von diesen fünf Stolpersteinen ausgehend, treffen sich dann alle Teilnehmer gegen 17.45 Uhr am Mahnmal für die Gocher Synagoge in der Herzogenstraße, wo noch einmal ein gemeinsames Gedenken stattfindet.

Um 18.30 Uhr schließt sich eine Lesung im Museum Goch an, die musikalisch von Thomas Rufmann und Kaliana Rahel Asare begleitet wird.„Wir wollten nicht einfach auseinandergehen“, sagt Ruth Warrener, Lehrerin an der Gesamtschule Mittelkreis, „ursprünglich wollten wir Geschichten von Gocher Juden darstellen; aber jetzt haben wir einen anderen Blickwinkel gewählt.“ Unter dem Titel „In Namen des Rechts“ werden Heinz van de Linde, Jürgen Kranz und Holger Zenker Auszüge aus den Prozessakten des Synagogen- und Brandstifterprozesses von 1947/48 in Kleve vortragen. „Durch die gegensätzlichen Aussagen werden Widersprüche aufgedeckt; es ,sprechen‘ die Leute, die die Nacht miterlebt haben“, so Ruth Warrener. Anschließend gibt es noch Gelegenheit zum gemeinsamen Austausch.

Übrigens: Hohe Haftstrafen erhielten die Täter zumeist nicht. Direkt nach dem Urteil im Mai 1948 legte die Oberstaatsanwaltschaft deshalb Revision ein – was daraus wurde, lässt sich nicht mehr recherchieren, entsprechende Unterlagen existieren nicht mehr. Was sich allerdings im Zuge des Aktenstudiums – und das schon für eine Ausstellung 1988 – herausstellte: Es war kein Kevelae­rer, sondern ein Gocher SS-Zug, der die Synagoge anzündete. Doch darüber sprach man nach dem Krieg nicht, weiß Johannes Janßen: „Es war wohl ein Verdrängungsmechanismus.“

Mit der Aktion am 9. November möchte die Ini­tiative auch dafür sorgen, dass die Stolpersteine und die Idee dahinter nicht in Vergessenheit geraten. Dazu trägt ebenfalls der „Wegweiser zu den Gocher Stolpersteinen“ bei, der im örtlichen Buchhandel erhältlich ist. „Es sind bereits zwischen 80 und 100 Stück verkauft worden“, freut sich Janßen. Auf 76 Seiten informiert der Wegweiser über die Schicksale, die sich hinter den Stolpersteinen verbergen.
Dass Erinnerung und Gedenken durchaus wichtig für Gegenwart sind, unterstreichen die Mitglieder der Initiative: „Die Mechanismen, die das Dritte Reich hatte, um mit den Menschen umzugehen, die findet man auch heute noch“, ist sich Johannes Janßen sicher, „wenn Verführer kommen, wer ist dann couragiert genug, um etwas dagegen zu tun? Diese Schwäche des Menschen ist bis heute nicht weg.“