Manfred Tönnihsen (r.) und sein Team der Tagespflege der Lebenshilfe. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

NIEDERRHEIN. Die Nachfrage nach einer ambulanten Betreuung älterer, pflegebedürftiger Menschen, insbesondere der Menschen mit Demenz, ist groß – und sie wird immer größer. „Die Tendenz steigt, dass viele Menschen in ihren eigenen vier Wänden wohnen bleiben wollen und daher die Unterstützung des ambulanten Pflegedienst sowie den Besuch in der Tagespflege nutzen“, sagt Manfred Tönnihsen, Fachbereichsleiter für den Bereich Pflege bei der Lebenshilfe Kleve.

Manfred Tönnihsen ist Fachbereichsleiter für den Bereich Pflege bei der Lebenshilfe Kleve. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Auch im hohen Alter Zuhause wohnen bleiben zu können, sei von vielen Senioren ein großer Wunsch, bei dem ambulante Angebote helfen können. Seit vielen Jahren verfolge die Politik auch den Grundsatz „ambulant vor stationär“.

Die Politik habe daher in den vergangenen Jahren schon sehr viel Geld in das System gegeben, um eine gute Versorgung Pflegebedürftiger zu schaffen und nachhaltig zu sichern. Hierzu besteht die politische Notwendigkeit, so Bundes-Gesundheitsminister Jens Spahn, ab 2019 den Pflegeversicherungsbeitrag wiederum um einen halben Prozentpunkt anheben zu müssen.

Verschiedene Leistungen

Neben verschiedenen Leistungen der Pflegeversicherung, haben Pflegebedürftige ab dem Pflegegrad zwei zusätzlich die Möglichkeit, Leistungen der Tagespflege in Anspruch zu nehmen. „Dieser wird nicht auf das Pflegegeld oder andere Leistungen angerechnet. Die Höhe des Anspruchs richtet sich nach dem jeweiligen Pflegegrad“, erläutert Tönnihsen. Von einem Tag bis zu fünf Tagen in der Woche könne ein Tagespflegegast die Vita-Tagespflege nutzen.

„Ein bis zwei Besuchstage je Woche in der Tagespflege bedeuten für viele Angehörige schon eine enorme Erleichterung“, weiß Tönnihsen. Denn auch die Zahl der Kinder, die ihre Eltern Zuhause pflegen, steige. „Oft leisten sie das sogar noch neben einem Vollzeit-Job sowie in vielen Fällen mit Hilfe ambulanter Pflegedienste oder einer Haushaltshilfe. Da ist es für sie eine Erleichterung, wenn sie einmal entlastet werden, zur Ruhe kommen, entspannt Besorgungen und andere Erledigungen tätigen oder einfach mal etwas mit dem Ehepartner oder den Kindern unternehmen können“, sagt Tönnihsen.

Für Pflegebedürftige biete der Tagespflegeplatz ebenfalls sehr viele Vorteile. „Wir wollen ihnen helfen, möglichst lange ihre geistige und körperliche Mobilität sowie ihre Ressourcen zu erhalten“, sagt Tönnihsen. Dazu bietet die Lebenshilfe ein tägliches, abwechslungsreiches Programm an, das sich auch individuell an die Bedürfnisse eines jeden Einzelnen richten. Zudem werde jeden Morgen nach dem gemeinsamen Frühstück zusammen die Zeitung gelesen, damit auch der Kopf fit bleibt. „Darauf freuen sich alle Senioren. Denn sie sind jeden Morgen sehr interessiert daran, was so in der Welt um sie herum geschieht „, meint Tönnihsen. Vor allem für diejenigen, die alleine leben, sei eines der schönsten Gegebenheiten in der Tagespflege, dass sie jemanden zum Reden haben. „Hier wurden schon viele Freundschaften geschlossen“, weiß der Fachbereichsleiter.

Alle Plätze belegt

Innerhalb von rund zweieinhalb Jahren hat es die Lebenshilfe geschafft, dass alle Tagespflegeplätze belegt sind und sogar eine Warteliste existiert. „Wir haben mindestens 15 Tagesgäste pro Tag. Insgesamt haben wir mittlerweile 40 bis 60 Tagespflegegäste, die aber in unterschiedlicher Weise zu uns in den Materborner Wohnpark kommen“, berichtet Tönnihsen.

Im Garten der Lebenshilfe in Materborn kümmern sich die Senioren aus der Tagespflege um ihr eigenes Stück Garten. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

Wie schnell jemand einen Tagespflegeplatz bei der Lebenshilfe bekomme, könne er allerdings nicht sagen. „Das kann ganz schnell gehen, kann aber auch etwas länger dauern. Das kommt ganz darauf an, ob einer unserer Gäste ausscheidet. Das jemand nicht mehr kommen möchte, kommt bei uns nicht vor“, erläutert Tönnihsen. Das Angebot der Tagespflege bei der Lebenshilfe sei aufgrund dieser hohen Nachfrage entstanden. Mit der Tagespflege sind wir dann im Frühjahr 2016 gestartet, als der Wohnpark Materborn eröffnet wurde“, sagt Tönnihsen.

In Zeiten des Pflegenotstandes habe der Tagespflege-Bereich keine so großen Probleme gute und qualifizierte Kräfte zu bekommen. „Es ist das Filet-Stück in der Pflege“, sagt Tönnihsen. Keine Wochenend-Arbeit und geregelte Arbeitszeiten unter der Woche seien die größten Vorteile für Arbeitnehmer, die es sonst im Pflege-Bereich eher selten anzutreffen sind.

Ausbildung ist wichtig

Der ambulante Pflegedienst, den die Lebenshilfe zudem anbietet, in denen rund 140 Patienten im Stadtgebiet Kleve und den umliegenden Ortschaften versorgt werden, habe es hinsichtlich der Personalgewinnung da schon deutlich schwerer. „Seit Jahren bildet unser Pflegedienst daher aus, um auf diesem Wege Pflegefachkräfte für den eigenen Dienst zu rekrutieren“, sagt Tönnihsen.

Die Leistungen des ambulanten Pflegedienstes erstrecke sich über die Körperpflege, dem An- und Auskleiden, der Nahrungszubereitung bis hin zur Begleitung zu Ärzten oder Einkäufen und vieles mehr. Dazu gehöre unter anderem auch die Vermittlung von anderen Dienstleistern in den Bereichen Hauswirtschaft und Fußpflege.

Drüber hinaus werden auch sogenannte Krankenkassenleistungen, wie das Anlegen und Wechseln von Wundverbänden, Dekubitusversorgung, Herrichten von Medikamenten und deren Verabreichung, Diabetesversorgung und vieles mehr erbracht. Um jederzeit in Notfällen für den Patienten erreichbar zu sein, stellt die Lebenshilfe eine 24-Stunden-Rufbereitschaft an 365 Tagen im Jahr sicher.

Gespräche kaum möglich

„Für viele Patienten ist der Pflegedienst oftmals der einzige Besuchskontakt des Tages. Daher freuen sich viele Patienten auf den Besuch der Pflegekraft und haben dann oftmals auch das Bedürfnis etwas erzählen zu wollen. Aber ein Gespräch mit den Pflegekräften ist meistens nur während der Pflege möglich“, sagt Tönnihsen. Auch für Gefälligkeiten, wie mal eben die Waschmaschine ausladen, Brötchen mitbringen, die Rollos hochziehen oder den Hund füttern bleibe eigentlich keine Zeit. Dennoch werden diese Leistungen oftmals nebenher erbracht.

Obwohl die Mitarbeiter in der ambulanten Pflege hohen Belastungen ausgesetzt sind, ist die ambulante Pflege für manche Pflegefachkräfte beliebter als stationäre Einrichtungen. „Hier können sie sich um einen Patienten allein kümmern und nicht um mehrere gleichzeitig“, sagt Tönnihsen. Nur müsse sicherlich die Bezahlung allgemein verbessert werden, damit der Pflegenotstand nicht noch größer und ältere, pflegebedürftige Menschen auch im hohen Alter im häuslichen Umfeld noch eine gute, würdevolle Versorgung erfahren. „Wie von Gesundheitsminister Spahn beabsichtigt, sollen hinsichtlich der Rahmenbedingungen, Personalstärke und Bezahlung in den stationären Einrichtungen wie Krankenhäusern, Altenheimen die Situation allerdings deutlich verbessert werden. Die ambulante Pflege wurde bislang außen vorgelassen. Man muss Sorge haben, dass sich das geplante Pflegekräftestärkungsgesetz zu einem Pflegefachkräfteabwanderungsgesetz von ambulant zu stationär entwickeln kann“, sagt Tönnihsen.

Alten- und Krankenpflegekräfte werden in ganz Deutschland dringend gesucht. Im April dieses Jahres hat die Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen besorgniserregende Zahlen veröffentlicht: Demnach sind bundesweit mehr als 25.000 Fachkraftstellen nicht besetzt. Darüber hinaus fehlen zur Sicherung der Pflege rund 10.000 Hilfskräfte.

Aufgeteilt in Alten- und Krankenpflege sieht die Situation wie folgt aus: 2017 gab es im Schnitt 14.785 offene Stellen in der Pflege alter Menschen. In der Krankenpflege waren es im Vergleich „nur“ 10.814. Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt fand im April im Gespräch mit der Deutschen-Presse-Agentur (dpa) deutliche Worte: „Wir stehen in der Pflege vor einer echten Fachkräftekrise. Die kleinteiligen Maßnahmen der großen Koalition in den letzten Jahren bleiben wirkungslos. Der Arbeitsmarkt für Pflegekräfte ist wie leergefegt.“

Nach Einschätzungen der Diakonie Deutschland gibt es in der Bundesrepublik einen akuten Bedarf von 60.000 neuen Stellen in der Altenpflege.


Infos zur Pflege

Wer sich für die Leistungen der Tagespflege interessiert, kann sich bei bei Cho-Hen Jung-Albers von der Lebenshilfe unter Telefon 02821/736170 oder per E-Mail an c.jung-albers@lebenshilfe-kleve.de informieren. Ein kostenloser Probetag nach Absprache ist möglich. Geöffnet hat die Tagespflege montags bis freitags in der Zeit von 8 bis 16 Uhr.

Die Leitung des Ambulanten Pflegedienstes, Konstanze Stamm, steht für Fragen zu Pflegeleistungen im häuslichen Umfeld unter Telefon 02821/8066550 oder per E-Mail an k.stamm@lebenshilfe-kleve.de zur Verfügung. Der Einzugskreis der Patientenversorgung umfasst die Stadt Kleve und benachbarte Ortschaften. Persönliche Beratung gibt es auch im Büro an der Hagschen Straße 82a in Kleve.