Positiv unspektakulär

Eindrücke und Erlebnisse eines Haldern Pop-Neulings vom Auftakt des 35. Haldern Pop Festivals

HALDERN. „Haldern Pop ist nicht die Sixtinische Kapelle, aber es ist besser, mal dabei gewesen zu sein“, schrieb der NN-Redakteur Heiner Frost in seinem Artikel „Haldern Pop schulbuchreif“. Grund genug, um als Redaktionsneuling dem Festival einen Besuch abzustatten.

Chad Lawson bezaubert mit seinen Piano-Künsten. NN-Foto: Dickel

Ein Mann steht an einer Gartenhecke und schneidet diese. Er guckt, nickt, murmelt „Guten Tach“ und schneidet weiter. Nur wenige Meter entfernt, findet das 35. Haldern Pop Festival statt – Grund zur Aufregung? Nicht vorhanden. Eher im Gegenteil, er wirkt entspannt und gelassen. Unspektakulär ist also der erste Gedanke, der mir zum Haldern Pop in den Sinn kommt. Verkehrschaos? Fehlanzeige! Langes Anstehen am Pressezelt? Nicht hier. Von einer Welt, in der alles immer schneller und besser sein muss, bin ich hier angekommen. Im 5.000 Einwohner Ort Haldern, dem Ort des jährlichen Haldern Pop Festivals.

Chad Lawson eröffnet in der Kirche

In der Kirche spielt Chad Lawson ein Piano-Konzert. Wo auf anderen Festivals Tausende Handys gezückt werden, um Fotos und Livemitschnitte zu machen, wird hier fast ausschließlich mit den Augen und Ohren genossen. Binnen weniger Minuten sind alle Eile, aller Termindruck und alle Befürchtungen aufgrund der Wetterprognosen vergessen. Stattdessen tritt vollkommene Entspannung ein. Einige Zuhörer haben die Augen geschlossen und lauschen den Klängen, die Lawson seinem Piano entlockt.

„Das Haldern wäre ohne Regen nicht das Haldern.“

Das Publikum, das wird auch beim Blick über den Marktplatz nach dem Konzert erkennbar, ist anders als bei anderen Festivals. Ruhiger, entspannter und vor allem redseliger. Alleine ist hier niemand lange unterwegs. Das wird mir spätestens auch dann klar, als das Konzert von „Moncrieff“ in der Pop Bar beginnt. In die kleine, gemütliche Bar passen bei Weitem nicht alle, die dem Konzert lauschen wollen. Stattdessen sind die Fenster nach oben geschoben und weitere Zuhörer sammeln sich auf dem Gehweg. Es wird getanzt und gelacht. Selbst ein kurzer Regenschauer zwischendurch tut dem keinen Abbruch. Regencape oder Jacke angezogen und weiter geht‘s. Lachend wird der Regen akzeptiert, schließlich, so hört man allerorts „wäre das Haldern auch nicht das Haldern ohne Regen“.

„Moncrieff“ und „Hannah Williams“ begeistern die Zuhörer

Nachdem ich nach Chad Lawson davon überzeugt war, dass das Haldern Pop die leisen Töne kann, wurde ich spätestens nach Moncrieff davon überzeugt, dass es auch die lauten Töne kann. Auch bei Hannah Williams & The Affirmations, die im Jugendheim spielen, wird dieser Eindruck untermauert. Leider ist der Andrang so stark, dass viele es nicht ins Jugendheim schaffen. Stattdessen setzten sie sich auf den Vorplatz des Jugendheimes und lauschen der Musik von dort aus. Was Williams dort von sich gibt, macht extrem viel Lust auf mehr. Deswegen geht es nach einem kleinen Kakaostopp auch aufs Festivalgelände. Zahlreiche Menschen pendeln zwischen Gelände und dem Ort zu Fuß oder mit dem Fahrrad hin und her. Alle wirken entspannt, glücklich und zufrieden.

Haldern Pop – Für Groß und Klein Entspannung und Spaß.
NN-Foto: HF

Auf dem Gelände wird mir zudem schnell noch etwas anderes bewusst: dies ist ein Festival für die ganze Familie. Junge Eltern haben ihre Kinder huckepack und weiter vorn wird gerade fangen gespielt. Was anderswo mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so entspannt funktionieren würde, scheint hier zu klappen. Das viel umworbene Spiegelzelt ist meine erste Anlaufstelle. Warm ist es, trotz des kurzen Regenschauers und des Gewitters. Den Auftakt im Spiegelzelt machen „Aquilo“. 45 Minuten sorgt das Duo bestehend aus Tom Highams und Ben Fletcher mit ihrer gefühlvollen Musik für einen gelungenen Auftakt.

Nach dem Konzert zeigt sich sogar die Sonne wieder und das, von vielen befürchtete, Matschfeld auf dem Gelände bleibt aus. Gummistiefel hatten trotzdem viele an – ein Hinweis des Kollegens ließ mich diese im übrigen auch einpacken. Überhaupt sehen die meisten Besucher nicht so aus, als ob sie sich Stunden Gedanken um ihr Outfit gemacht haben. Weniger Schickimicki, mehr Entspannung.

Big Thief sorgen im Spiegelzelt für ausgelassene Stimmung. NN-Foto: Dickel

Nach einem kurzen Abstecher zur Hauptbühne, auf der „The Inspector Cluzo“ aus Frankreich für etwas härtere Klänge sorgen, finde ich mich am Ende doch im Spiegelzelt bei „Big Thief“ wieder. Ob es die Atmosphäre dieses Zeltes ist oder die Musiker, kann ich am Ende nicht mehr genau auseinanderhalten, auf jeden Fall begeistert es mich.

Unspektakulär war mein erster Gedanke und bleibt auch mein Letzter als ich am Ende des Tages wieder zum Auto gehe. Unspektakulär jedoch im positiven Sinne. Das Haldern Pop kommt ohne viel Schickimicki aus und wirkt gerade dadurch vielleicht noch echter. Eine echte Entspannungsreise, der ich im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder beiwohnen möchte.