Die Sachlichkeit des Grauens

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EMMERICH/KLEVE. Da hat er – Mitte 20 ist er – seinen Plan in die Tat umgesetzt und das Leben eines alten Mannes grausamgnadenlos beendet. Jetzt wird ihm der Prozess gemacht. Der, um den sich an fünf Verhandlungstagen alles drehen wird, sagt nichts. Nichts zur Person. Nichts zur Tat. Den Gerichtssaal hat der Angeklagte – nennen wir ihn Tim – betreten wie den Pranger. Alle haben sie auf ihn gewartet. Niemand bekommt sein Gesicht zu sehen. Ein Leitz-Ordner schützt ihn vor dem Standgericht der Objektive.

Was er getan hat, kann nur erbarmungslos genannt werden und niemand muss Prophet sein, um ein Urteil zu ahnen, bei dem es am Ende einzig darum gehen wird, ob das Lebenslänglich mit einer besonderen Schwere der Schuld versehen wird. Nach Verlesung der Anklage wird das Leben des schweigenden Angeklagten aus zweiter Hand vorbeigetragen. Der psychiatrische Gutachter muss eine verdunkelte Existenz beleuchten. Seine Verwandten, hat der Angeklagte dem Gutachter gesagt, seien alle Psychopaten oder Junkies. Das Elternhaus: Schwierig. Das Wort des Vaters: Gesetz. „Der hat mich nur geschlagen, wenn ich es verdient hatte.“ Mehr Vaterspuren gibt es nicht. Eine wirkmächtige Grundierung.

Als Jugendlicher hat der Angeklagte „Scheiße gebaut“. Zuhause musste er spuren – draußen hat er es rausgelassen. Die Familiengene: Verkorkst. Alle. Dachdecker hat der Angeklagte gelernt. Die schönste Zeit seines Lebens. Eine Verlobte hat es gegeben. Monate vor der Tat: Die Trennung. Zum späteren Opfer hat es schon vor der Tat einen Kontakt gegeben, der sexueller Natur war, obwohl der Angeklagte sich nicht als schwul bezeichnet.
Irgendwann brauchte er Geld (die Drogen). Er stellte Überlegungen an. Der Ex-Chef hätte es verdient. Nicht aber dessen Frau und Kinder. Tim landet mit seinen Überlegungen bei Friedhelm, dem Opfer. Der könnte Geld haben. Tim bestellt einen Elektroschocker im Internet. Er entwickelt „Szenarien“ dessen, was passieren könnte. Der Tod ist eines der möglichen Szenarien. Friedhelm ist doch der einzige, mit dem es einen homoerotischen Kontakt gegeben hat. Der einzige Zeuge. Wenn Friedhelm verschwände, verschwände auch diese Spur. Friedhelm hat Tim hintergangen: Er hat sich jünger gemacht als er war. Immer wieder: Hassgefühle. Am Tag der Tat macht sich Tim nach Emmerich auf den Weg. Diesmal wird er Friedhelm besuchen. Der hat ein Haus in Elten. Tim kommt schnell zur Sache.

Mittels Faust- und Handkantenschlägen, Messerstichen und Schlägen mit einem Feuerlöscher gegen den Kopf soll er – ohne vorausgegangenen Streit – den Mann in dessen Wohnung getötet haben. Nach Entwendung von 350 Euro soll er schließlich zur Beseitigung von Spuren das ganze Haus unter Wasser gesetzt haben und sodann mit dem Taxi nach Kleve zurückgefahren sein. So klingt, was die Staatsanwaltschaft für gegeben hält.

Da sitzt man und nimmt zur Kenntnis. Nach dem Angriff mit dem Elektroschocker war Friedhelm nicht kampfunfähig. Er versuchte zu fliehen – war schon aus dem Haus. Ein Augenblick der Hoffnung: Tim erwischt Friedhelm – prügelt ihn ins Haus zurück, hinunter in den Keller, versucht ihn mit Messer zu töten, ihm die Kehle durchzuschneiden, es gelingt nicht. Dann greift Tim zum Feuerlöscher und zertrümmert den Schädel des Sterbenden. Ein Echo aus der Aussage des Sachverständigen hallt im Kopf: „Ich war derbe interessiert, wie es ist, einen umzubringen“, hat Tim gesagt. Trotzdem: Man kann in eine solche Tat nicht folgen – kann den Ort des Hasses nicht finden. Wo wohnt das Unglück? Wo die Lust am Töten? Wie beschreibt man den Weg in einen solchen Strudel? Was, wenn der, der schweigend dasitzt, der eigene Sohne wäre? Was kann man denken? Kann ein Prozess Klarheiten bringen? Wo hört man auf mit der Frage nach der Schuld? Soll man überhaupt von Schuld sprechen? Wo hört man auf mit der Frage nach den Gründen? Ja – das ist besser. Es geht nicht um Schuld – es geht um Verstrickungen, um die Fallstricke des Lebens, das für den Täter Überleben ist und für sein Opfer der Tod.

Später am Tag spricht der Angeklagte. Er spricht indirekt. Mit Polizeibeamten ist er nach seinem Geständnis zum Tatort gefahren: Rekonstruktion eines unfassbaren Geschehens. Der Täter als Reiseführer. (Anwaltlichen Beistand scheint es für Tim übrigens weder beim Gestehen noch beim Rekonstruieren gegeben zu haben.) Ermittelt war der Täter – so wird es bei der Aussage des Leiters der Mordkommission deutlich – relativ schnell. Das Internet kennt viele Geschichten. Der Prozess wird am Montag, 25. Juni, um 10 Uhr fortgesetzt.