… wenn man hinunterschaut.

… wenn man hinunterschaut.

Foto: Karl Forster

Es dauert mehr als einen Augenblick, sich den Schrecken aus der Seele zu kratzen. Auf der Bühne ist das Tutti der Akteure – Rücken zum Publikum – zum Standbild erstarrt und befiehlt Innehalten. (Jetzt bitte nicht mehr atmen.)  Erst nach 20 Sekunden – 30 vielleicht – traut sich das Publikum aus der Deckung: Applaus. Man klatscht mit, obwohl doch die Hände fast aufeinandergeforen waren. Die Kälte: Kaum erträglich. Die heile Welt: Außer Sichtweite. Irgendwie abhanden gekommen. Geschreddert.

105 Minuten ist man lauter Verlorenen hinterhergefallen und hat dem Tod die Hand geschüttelt. Alban Bergs Wozzeck – ein Extrem. Für das Orchester. Für die Sänger. Für das Publikum. Ein Schreckensnebel. Eine Oper, bei der man die Kinder zuhause lassen wird. Zwischendurch der Gedanke: Man wäre besser selbst nicht hingegangen. Aber was hätte man verpasst! Einen grandiosen Abend – einen, der alle zu Zeugen einer Hinrichtung gemacht hat; einen, der in der Todeszelle begann und sich in Rückblenden in einem zerpfuschten Leben räkelte; einen, der alle zu Voyeuren machte; einen, der ein Verliererleben seziert: Unbarmherzig. Gnadenlos. Ohne Ausweg.

[Wozzeck, er sieht immer so verhetzt aus! Ein guter Mensch tut das nicht.]

Man setzt sich nach einem solchen Abend nicht an den Schreibtisch und verteilt Noten. Man setzt sich ins Auto, schaltet den USB-Player an und trägt Gegengift auf, das einem das Leben rettet: Bachs d-moll Doppelkonzert. Langsamer Satz. Musik, die alle Wunden heilt. Was Berg da 1925 auf die Bühne brachte, ist eine Tauchfahrt ins Extreme: Im Rückspiegel das Trauma eines Weltkrieges. Nichts ist mehr heil. Kein Stein auf dem anderen. Zerstörte Seelen, zerstörter Glaube, zerstörtes Menschsein. Ohne Netz tanzen die Seelen auf dem Drahtseil dem Abgrund entgegen.
Die Aufführung in der Inszenierung von Stefan Herheim spielt sich auf einer genial einfachen Bühne – dem Todestrakt eines Gefängnisses – ab. Ein Raum, aus dem es kein Entkommen gibt – ein Raum ohne Lichtblick wird zum Spiegel der Handlung. Die Musik: Mahler – mit Säure übergossen und angesteckt. Die Partitur: Hölle aus Tönen. Töne aus der Hölle. Die Sänger: Atemraubend. Das Zusammen von Sängern und Orchester – musikalische Leitung: Axel Kober – ein Gegenpol zum Verlorensein der Handlung. Der Chor: Unglaublich wie der ganze Abend. Alles ist schwarz. Berg streicht die Verzweiflung mit Tönen an – lässt, was da klingt, zwischen Volkslied und großem Kino changieren und findet kongeniale Übersetzer auf der Bühne und im Graben. Eine Inszenierung, die sich immer wieder knapp am Herzstillstand vorbeischleicht – immer wieder mit den Unheilstönen kämpft. Durchdacht bis in die letzte Faser.

Alban Berg: „Es ist mir nicht im Traum eingefallen, mit der Komposition Wozzeck die Kunstform der Oper reformieren zu wollen. Abgesehen von dem Wunsch, gute Musik zu machen, den geistigen Inhalt von Büchners unsterblichem Drama auch musikalisch zu erfüllen, seine dichterische Sprache in eine musikalische umzusetzen, schwebte mir nichts anderes vor […] als dem Theater zu geben, was des Theaters ist.“

Die spielenden Kinder: Ringel, Ringel, Rosenkranz, Ringelreih’n!
Ringel, Ringel, Rosenkranz

So sind Bergs Oper und Herheims Inszenierung kein Spielfilm – alles wirkt dokumentarisch. Wozzeck ist die Dokumentation einer großen Schuld, die nichts und niemanden auslässt. Alle werden zu Tätern in dieser Inszenierung – am Ende auch und gerade die, die doch nur in die Oper wollten. Nichts wird aufgebauscht. Nirgends ein Zeigefinger, und irgendwann liest man auf den Übertiteln: „Der Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinunterschaut.“ Der Abgrund hat einen Namen: Wozzeck. Eine Oper als Trauma – und es gilt zu begreifen, dass das ein Gütesiegel ist. Man macht sich keinen schönen Abend mit Wozzeck und geht nachher noch auf ein Bierchen irgendwohin. Man geht mit dem Stück zugrunde und feiert doch am Ende Auferstehung. Da taucht in aller Verlorenheit ein Kinderchor auf: Das Licht am Ende des Tunnels. Und doch erstarrt mit den letzten Noten alles Handeln zum eisigen Standbild – zur Poesie des Grauens, dessen Teil man mit dem Kartenkauf geworden ist. Es braucht einen Augenblick, bis man sich den Schrecken aus der Seele getrommelt hat und ins Leben zurücksteigt. Alles war irgendwie grandios grauenhaft. Sechs von fünf Sternen. Das gilt auch für ein hervorragendes Programmheft.

…Drauss‘ liegt sie, am Weg, neben dem Teich.

 

Aufführungstermine: Sonntag, 19. November, 18.30 Uhr; Donnerstag, 23. November, 19.30 Uhr; Sonntag, 26. November, 15 Uhr; Aufführungsort: Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf.

Foto: Karl Forster