In Geldern öffnet mit „Retail Labs“ der erste Unverpackt-Laden am Niederrhein

GELDERN. „Es gab immer so viel Müll“, erklärt Annett Schendel, Gründerin des „lieber unverpackt“-Ladens in Geldern, die Intention für ihre Geschäftsgründung. „Gerade vom Einkaufen zurück, wandert die Hälfte des Einkaufs wieder in den gelben Sack, weil es Verpackungen waren“, so die Mutter von vier Kindern. Diesem „Verpackungswahnsinn“ will Schendel entgegen wirken und eröffnet am Samstag, 2. Dezember, den ersten Unverpackt-Laden am Niederrhein.

In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder Köln gibt es sie schon lange: Oftmals kleine Läden, in denen die Kunden sämtliche Lebensmittel in großen Behältern vorfinden, von denen sie sich dann die benötigte Menge in mitgebrachte Gefäße abfüllen können. Die St. Huberterin Annett Schendel beschloss im Frühjahr 2016 ebenfalls, sich selbstständig zu machen. Um sich über das Thema zu informieren, besuchte sie einen Workshop bei der Besitzerin eines Unverpackt-Ladens: „Dort habe ich erfahren, wo ich zum Beispiel gewisse Waren in großer Menge unverpackt bekomme“, erläutert die Gründerin. Danach wollte Schendel starten, fand allerdings keinen passenden Laden: „Ich war schon kurz davor das Projekt wieder zu begraben.“

Im Sommer dieses Jahres hörte sie dann einen Aufruf, in dem Gründer gesucht wurden, die ihre Geschäftsidee in einem Kaufhaus unkompliziert und ohne große Investitionen ausprobieren können. Der Aufruf kam von der Stadt Geldern. „Wir haben bereits im letzten Jahr festgestellt, dass wir immer mehr Leerstände in der Innenstadt haben und es gleichzeitig auch immer weniger Neugründungen gibt“, erklärt Michael Rüscher, Leiter des Geschäftsbereiches Handel, Dienstleistungen, Mittelstand und Außenwirtschaft bei der IHK, die das Projekt „Retail Lab“ ebenfalls unterstützen. So sei in Kooperation mit der Stadt Geldern die Idee eines „Retail Labs“ entstanden: ein Kaufhaus, in dem sich Existenzgründer kostengünstig ausprobieren können.

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Freuen sich über die Eröffnung des „lieber unverpackt“ Ladens: (v.l.n.r.) Tim van Hees-Clanzett, Annett Schendel, Jens Bormann und Michael Rüscher. NN-Foto: Sarah Dickel

Auch Tim van Hees-Clanzett, Wirtschaftsförderer der Stadt Geldern, kennt die Hürden, die eine Neugründung mit sich bringt, nur zu gut: „Gerade durch den Online-Handel wird es für den Einzelhandel schwieriger“, so van Hees-Clanzett. „Deshalb ist es wichtig den Gründern die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren.“ Diese Möglichkeit besteht zum Beispiel in der flexiblen Mietzeit. Aber Schendel erhält auch Hilfestellungen von Grafikdesignern wie Annika und Nicola Fohler, und von Steuerberatern wie zum Beispiel Jens Bormann vom Steuerbüro bjw+p: „Wir fanden die Idee sofort spannend, nicht nur etwas für eine Person zu tun, sondern für die gesamte Stadt“, so Bormann, der Schendel helfend zur Seite steht, wenn es um steuerliche Fragen geht.

Diese Hilfestellungen waren für die Neugründerin Gold wert: „Egal was war, ob ich einen Elektriker benötigte oder einen Grafiker, ich habe immer Hilfe von bekommen“, erklärt Schendel. Für die St. Huberterin war das eine große Last, die ihr genommen wurde: „Alleine zu wissen, dass ich nicht den Druck habe, einen Zehnjahresvertrag unterschrieben zu haben, lässt mich abends besser schlafen.“

Für die Initiatoren des „Retail Labs“ ist die Arbeit damit aber noch lange nicht beendet: „Mit der Eröffnung am Samstag ist das Projekt nicht zu Ende. Wir suchen noch weiter Gründer, denen wir helfen können“, so van Hees-Clanzett. Es gäbe noch genügend Leerstände, die durch das „Retail Lab“ gefüllt werden könnten. Interessenten können sich bei Tim van Hees-Clanzett per E-Mail unter tim.clanzett@geldern.de melden.

Erstmal heißt es am Samstag aber „Türen auf“ für Annett Schendel. Von 9 bis 15 Uhr öffnet sie ihren neuen Laden und hat auch einige Aktionen für den Eröffnungstag geplant: „Es wird Frischkorn- und Birchermüsli zum Essen und Mitnehmen geben und zwei verschiedene Suppen“, so Schendel. Ein Teil der Einnahmen werden dann der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ und dem Kinderhaus in Pont zugute kommen. Aber auch außerhalb des Eröffnungstags wird es im „lieber unverpackt“ in der Glockengasse 1 ein stetiges Angebot an Frühstück- und Mittagsspeisen geben. Außerdem bezieht Schendel viele ihrer Produkte aus der Region: „Regionalität ist für mich ein wichtiges Thema“, so die Gründerin, die sich auch über weitere Zulieferer regionaler Produkte freuen würde. Momentan gibt es so zum Beispiel schon den Kaffee aus der Kaffeerösterei Kaffeehimmel & Co. und den Käse von der Bauernkäserei aus Stenden.

Für Schendel geht mit diesem Laden ein kleiner Traum in Erfüllung: „Ich möchte meinen vier Kindern eine gute Umwelt hinterlassen“, erklärt die Gründerin. Einen Schritt dafür hat die St. Huberterin mit der Gründung ihres Ladens bereits getan.

'Retail-Lab'
Das Projekt des „Retail-Labs“ geht weiter: Interessierte Gründer können sich gerne bei Tim van Hees-Clanzett unter tim.clanzett@geldern.de mit ihren Ideen melden. Das Angebot gilt auch Selbstständige und Freelancer, da eine neue Location auch als Co-Working-Space genutzt werden könnte.