Young Moves – Showdown im Opernhaus

Young Moves – Showdown im Opernhaus

Foto: Gert Weigelt

DÜSSELDORF. Da wird man auf der Sommerzielgeraden schnell noch mal balletttechnisch abgefangen. Showdown im Opernhaus. Young Moves: Sechs Choreografien ins Hirn gestempelt – eine Pause dazwischen. Beim Erinnern entsteht Unschärfe.


Was liegt an? „No Destina“ von Wun Sze Chan, „Fourmis“ von Sonny Locsin, „Andante Sostenuto“ von Boris Randzio, „Edge of Reason“ von Chidozie Nzerem, „49“ von So-Yeon Kim, „East Coasting“ von Michael Foster.
Soll man zu vergleichen anfangen und Meinung auftürmen? Ein Abend wie dieser darf am Ende nicht in ein Wetttanzen ausarten. Ein Abend wie dieser stellt die Möglichkeit zur Verfügung, verschiedene Ansätze zu bestaunen. Ein Abend wie dieser kann vielleicht unterschieden werden in Young Moves und Fresh Moves. Man bildet sich ein, Parallelen zu entdecken zwischen dem, der sonst die Bühne bespielt und denen, die für ihn tanzen. Mit anderen Worten: Wie viel Schläpfer steckt in den Stücken? Vielleicht bildet man sich‘s nur ein. Und doch sind da diese Kleinigkeiten, die aus der Formensprache entsprungen zu sein scheinen und dann in den Stücken ein neues Lager aufschlagen. Sieht man, was man weiß? Weiß man, was man sieht?
Young Moves ist ein Spielfeld. Manche der Choreographen gehen ausgelassen mit ihrer Chance um, andere laden ihr Stück auf und verstricken sich – sekundenbruchteilweise – zwischen Tanz und Requisite.
Natürlich kann man „Spoilern“ – den Ausflug ins allwissende Programmheft antreten und sich erzählen lassen, was es zu erzählen gibt. Das ist immer eine Möglichkeit. Man kann sich aber auch einfach ausliefern – den Tönen, den Konzeptionen, dem individuellen Zauber.
Soll man sagen, dass der Abend einem Accelerando folgt? Einem Crescendo? Beides wäre womöglich ein Vorbeischauen am Zentrum, denn so viel ist sicher: Der Abend hat sechs Zentren. Jedes dieser Stücke ist das Hineinfühlen wert.
Die Musik: Von Bach bis Mingus – Zwischenhalt gibt es bei Schubert, Pärt, Radiohead. Die Entdeckung vielleicht: Ogoun Badagris und Christopher Rouse – Percussion als Grundlage für Chidozie Nzerems „Edge of Reason“ – ein fulminantes Stück Tanztheater. Da zündet einer die Kerze des Tanzes von zwei Seiten an und lässt alles zur Mitte hin durchbrennen. Kaum kommt man zum Atemholen. Am anderen Ende der Skala: So-Yeon Kims „49“ – ein Ritual der Trauer. Fast kommt einem der Sommer abhanden – fast bleibt man im Denken hängen und kommt nicht zurück ins Gegenwärtige.
Dann allerdings die Rückrufaktion: „East Coasting“ von Michael Foster. Musik: Charles Mingus. Fast meint man, dass es jetzt die Bude verqualmen müsste – nachtclubmäßig sozusagen. Da entspinnt sich ein Ensemblestück mit Soloeinlagen. Am Ende sitzt man hin und her gerissen und reibt sich Ohren und Augen.
Was bleibt: Es ist wie so oft bei der Düsseldorfer Companie: Sie können alles. Sind überall zuhause. Und an einem Abend wie diesem tanzen sie sich platt für die Ideen der anderen.
Nach zweieinhalb Stunden Ballett ist eines klar: Langeweile hat es nicht gegeben. Handliche Portionen Tanz wurden ausgeliefert. Am Ende: Fresh Moves. Man sollte das Licht erwähnen: Was Thomas Diek zur Verfügung stellt, ist großes Theater. Man müsste alle Namen erwähnen. Alle hochleben lassen, aber der Platz reicht nicht. Wer`s sehen will, hat noch zwei Chancen: Sonntag, 9. Juli (15 bis 17.30 Uhr) und Donnerstag, 13. Juli (19.30 bis 22 Uhr) – beide Male im Opernhaus Düsseldorf.
Heiner Frost