b.29 – lach mal wieder

b.29 – lach mal wieder

Foto: Gert Weigelt

Beim Ballett gewesen. Gelacht. Ja, geht denn das? Darf denn das? Der Reihe nach …
Ausgehungert sehnt man sich b.29 entgegen. Der tanzlose Sommer hat Begehrlichkeiten geweckt. Fast ist man leergelaufen. Jetzt also endlich wieder: Großes Tanztheater. Balanchine, Schläpfer, Robbins. Tschaikowsky im Mozartgewand, Lutoslawskis Konzert für Orchester als Centerpiece à la Schläpfer und zum Schluss Chopin von Jerome Robbins.

Den hatte man in guter Erinnerung. Tanz ohne Musik hat man erlebt und gelernt, das auch das Unmögliche machbar ist. Jetzt taumelt man aus dem Theater und noch immer spannt sich die Bauchdecke. Morgen wird es einen Lachkater geben, wie lange keiner war. Gesehenes beschreiben? Das ist ohne Pointe. Das wäre Schreibklamauk. Nachdem das Lachen sich verzogen hat, folgt die Nachschau. Ergebnis: Eine solche Liebeserklärung an den Tanz wie Robbins` Chopin hat man lange nicht erlebt. Eine derart kurzweilige Vorlesung über das Herz des Ballettes auch nicht. Es heißt, Schauspieler empfänden es als große Herausforderung, Laiendarsteller zu spielen. Kann sein. Schließlich reicht es ja nicht, einfach einen Tick schlechter zu sein – es geht darum, all das in kontrollierter Umgebung zu tun. Robbins … zeigt die Seele des Tanzes, indem er freilegt, was alles passieren kann. Die Katastrophe des Asynchronen wird zum Stilmittel. Das Ausladende des Balletts wird auf den Arm genommen und eben dadurch in die Arme geschlossen. Robbins liefert Tanzkabarett von unglaublicher Eindringlichkeit. Um die Schwächen freizulegen muss einer unendlich gut hingesehen haben, hingefühlt, hingedacht. Es ist wie beim Parodieren. Parodie wird von unbedingter und bedingungsloser Kenntnis getrieben, gespeist, gestützt. Robbins bevölkert die Bühne mit allerlei komisch anmutenden exaltierten Sonderlingen, die noch das unbeutendste Requisit zum Hauptdarsteller befördern. Und immer zieht sich durch das Lachen eine tiefe Zuneigung, Hingabe, Poesie. Auf der Bühne: Ein Pianist im Frack, der, bervor er sich mit Chopin in die pianistische Kurve legt, erst einmal den Staub von den Tasten wischt. So beginnt, nach einem oppulenten Tusch des Orchesters Jerome RobbinsˋChoreographie. Man braucht einen kleinen Augenblick, bis sich die Lachsperre löst. Das Lachen in den heiligen Hallen wirkt nur für einen Moment deplatziert – dann sagt es: Ich bin hier zuhause. Robbins zündet ein Feuerwerk des Balletts, indem er wohlmeinend zündelt. Er hält hier und da ein Feuerzeug an die leicht entflammbare Ästhetik der Bewegung. Alle Parodie ist Überzeichnung. Da ist eine Tänzerin – verzweifelt sucht sie nach einer passenden Kopfbedecken – lässt sich dies und jeden anreichen, schüttelt den Kopf und ist erst zufrieden, das der Requisiteur mit einem fedrigen Etwas angetanzt kommt. Stolz und zufrieden setzt sie das Ding auf – schon kommt von der anderen Bühnenseite eine Konkurrentin. Auf dem Kopf: Ein Federding. Eitelkeiten in der Verkleidung der Humoreske.

 

Foto: Gert Weigelt
Foto: Gert Weigelt

Eine Tänzerin mit dunkler Brille wird schnell zum optischen Mittelpunkt, zumal, wenn sie sich genial ungelenkt bewegt und dabei ein bisschen zur Miss Piggy der Bühne wird. Robbins zeigt, wie schön der Tanz ist, indem er ihn – gut inszeniert und wohl dosiert – in Kleinigkeiten aus der Bahn laufen lässt. Wie geschrieben: Wer etwas lernen möchte über den Tanz und das Ballett, den sollte man in der ersten Reihe anketten. Andererseits: Anketten ist nicht nötig. Niemand, der noch bei Trost ist, würde auf dieses Stück verzichten. Man möchte 20 Jahre einmal wöchentlich in dieses Stück gehen und einen Rekord aufstellen. Man fragt sich zwischen all den Lachsalven, wie es nur sein kann, dass dieses Stück noch ungesehen war. Vielleicht kennen es alle anderen seit Jahren und lachen sich damit durch ein ansonsten eingetrübtes  Leben.

b.29 ist ein Abend, den man irgendwie nur vom Ende aus denken kann und fast vergisst, dass da mit Schläpfers Interpretation von Lutoslawskis Konzert für Orchester ein Tanzereigniss der Extraklasse stattgefunden hat. Es war einer dieser wunderbaren Choreographien, die am dem ersten Bild die Reise ins eigene Gehirn antreten. Sprachlos sitzt man da, gefangen ab der ersten Sekunde, obwohl Schläpfers Ausflug zu Lutoslawski ohne Lutoslawski beginnt. Still und starr ruht der See. Der Vorhang hebt sich und gibt Eingefrorenes frei, das sich erst nach und nach aus der Starre löst. Fast endlos – das Warten auf die ersten Töne aus dem Orchestergraben. Dann findet das Eine zum Anderen – dann verbindet sich das Synchrone mit dem Asynchronen, das Solistische mit den Ensembleszenen. Es gibt Tanzarien und Tubachöre – Explosionen und Erstickungen … und: Ein famos tanzenden Ensemble – angespannt bis in die letzten Fasern von Körper und Seele. Und dann gibt es da – nur die Älteren können das nachvollziehen – diesen Moment, für den Schläpfer nichts kann und der gottseidank schnell vorbeigleitet: Da tauchen diese Töne aus, die man aus der Vorzeit kennt: Es war die Titelmelodie des ZDF-Magazin und während das Orchester das Motiv belichtet, sieht man vor dem inneren Auge des Bärbeißgesicht von Gerhard Löwenthal. Schnell – gottseidank – versinkt es und gibt wieder den Blick und die Ohren für den Geniestreich frei, der sich auf der Bühne abspielt. Ein virtuos agierendes Orchester, eine beseelte Compagnie, ein Rausch aus unglaublichen Bildern, der – man muss es sagen – manchmal sogar die Musik weit hinter sich lässt, denn Lutoslawskis Konzert für Orchester kommt zwar famos daher, ist aber hier und da mit Strawinski und Bartók angestrichen. Man rutscht hörend ins Vergleichen – vergleicht mit Sacre oder Bartóks Konzert für Orchester. All das tut aber nichts zur Sache – es passiert im Nebenbei. Alle Aufmerksamkeit gehört den Tänzern. So wie beim Orchesterkonzert die einzelnen Orchestergruppen ihre Auftritte haben, orchestriert Schläpfer sein Ensemble und lässt dabei nichts und niemanden aus. Jetzt – in der Rückschau auf den Abend – wird Schläpfers Lutoslawski zum Konkurrent für Robbins. Quatsch eigentlich. Da ist keine Konkurrenz. Zwei Ansätze, zwei geniale Lösungen, zwei unglaubliche Choreographien. Am liebsten wäre man für ein „da capo“ einfach sitzen geblieben. Und dann noch eines.

Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg b.29 "Konzert für Orchester" ch.: Martin Schläpfer
Foto: Gert Weigelt

Aufführungstermine für b.29
Donnerstag, 1. Dezember; Samstag 3. Dezember; Samstag, 17 Dezember. Die Aufführungen beginnen jeweils um 19.30 (Ende 22 Uhr, zwei Pausen). Alle Aufführungen finden im Theater Duisburg statt.