Haldern Pop: Merkwürdig Wunderbar

Haldern Pop: Merkwürdig Wunderbar

Auf der Bühne ein Herr mit Akkordeon: Alpenaroma  zerfetzt von E-Gitarre. Vor der Bühne: Zwei junge Frauen. Sie tanzen – die Arme an den Ellbogen untergehakt – und tragen Boots zum Alpentwist. Ist das hier die Jahresbelustigungsparty der Landfrauen?


Der Herr auf der Bühne fängt das Singen an. Was singt der da? Deutsch isses nich. Englisch auch nicht. Man braucht einen Moment, bis sich das ausgedehnte Wabern als österreichischer Singsang entpuppt. Es „tuat guat.“ Hubert von Goisern besucht den Niederrhein. Was heißt hier Niederrhein? Alles lässt sich steigern. Hubert van Goisern spielt beim Haldern Pop. Sie schicken ihn nicht in die Pop Bar – er rockt die Main Stage. Aus dem Publikum beantworten sie sein Steirisch mit Urlauten, die zu verschriftlichen nicht möglich ist. Eigentlich wundert man sich nur, dass noch keine plattelt. Genau: Die Urlaute sind Plattellaute, wie man sie doch sonst nur von den Alpen-Aborigines kennt. Die Tanzmariechen drehen noch immer ihre Gummistiefelpirouetten auf der kahlgeschabten Wiese. Es hat zu viel geregnet – schon vor dem Festival. Der Boden: Getränkt bis zum Gehtnichtmehr. Jetzt sorgen über die Besucher für Erderweichung.
Rückblende. Haldern am Donnerstagvormittag. Der erste Festivaltag. Gäste treffen ein. Ein Dorf ändert seine Farben, aber die Seele bleibt erhalten. Das ist das Gute am Haldern Pop. Niemand bekommt etwas übergestülpt. Jeder bringt etwas mit und bekommt etwas. Neudeutsch wird dergleichen Synergie genannt. Aber Synergie ist ein leergesaugtes Monsterwort. Synergie beschreibt keinen Seelenzustand.
Synergie ist etwas für BWL-Studenten. Synergie plant keine Verluste ein.
Das Haldern-Stichwort 2016: Despezialisierung. Auch das lässt sich anders ausdrücken. Niederrheinisch würde man „vonalleswatt“ sagen – ein Einwortlaut. Dass einer wie von Goisern alpine Klangwelten mit Blues aufmischt   und einen Tag vorher Gogo Penguin Jazz in bester Trio-Manier auf die Hauptbühne bringen – dass ein Chor (Cantus Domus) a cappella die Dorfkirche mit Renaissancemusik durchrüttelt und dann das Stück eines georgischen Komponisten für Chor und Ensemble hinterherschickt (nicht für das unbeschwerte Nebenbei) – das beschreibt bestenfalls ansatzweise das Denkspektrum, um das es in Haldern geht. Die Musik ist nicht zur Auslieferungsware verkommen – irgendwie ist jeder Auftritt ein Diskussiosbeitrag. Natürlich ist Haldern ein Musik-Festival, aber Haldern, so scheint es, ist eben auch deshalb ein europaweit beachtetes Ereignis, weil es nicht nur um Musik und Vermarktung geht.
Wofür steht eigentlich das „Pop“ beim Haldern Pop? Für populär. Das Konzept des Haldern Pop sieht vor, dass vieles populär sein kann: Mann muss es nur dazu machen. Das Haldern Pop ist keiner dieser Tondurchlauferhitzer. Das Populäre mischt sich mit dem Merkwürdigen und wird – weiß man‘s? – zum Wunderbaren. Wintergatan zum Beispiel: Ihr Instrumentenfuhrpark mischt das Herkömmliche mit dem Verschrobenen. Plötzlich stehen da Selbstbaumusikmaschinen und mischen das Herkömmliche mit dem Unvorstellbaren. Eigentlich ist genau das hier Weltmusik der ganz besonderen Art: Nichts und niemand biedert sich an – die Schweden produzieren tongewordene Verletzlichkeit, die so gar nicht ins laute Rauschen des Mainstream passt und genau deshalb auf die Halderner Hauptbühne gehört. Despezialisierung der besonderen Art.
Wenn man nach drei Tagen Musik die Klangschwaden im Kopf sortiert, stellt man fest, dass die Töne in Haldern einen Kern haben, ein Zentrum. Man kannmuss nicht alles mögen, was hier angeboten wird, aber man muss mögen, dass es bunt zugeht. Hier findet ein geistiger Kontrapunkt in Töne und macht sich über den Bühnenrand auf den Weg ins Hirn der Zuhörer. Ja – es gibt Haldern Pop als Livestream, aber schnell wird, während man zuhause am Rechner sitzt, klar, dass  der Livestream nur Abklatsch ist. Schließlich ist Fußballgucken auch nicht Sport.
Haldern ist etwas für Menschen, die in ihrem Leben noch Platz für eine neue Sucht haben und für die, die nicht nur zur eigenen Bestätigung anreisen sondern zum Staunen. Die Befriedigung findet nur einmal im Jahr statt: Vor Ort. Alljährlich reist man an, um zu hören und sich Gedanken über dieses Festival zu machen. Gibt es Entschlüsselung? Nein. Zum Glück nicht. Wer Haldern entschlüsselt, würde sich zum Entzauberer machen.
Manche Formulierungen sind abgenagt, aber was soll‘s – nicht immer muss das Oftgesagte wertlos sein: Haldern ist mehr als die Summe der Einzelteile. Handlungsanweisung: Wenn sonntags die Karawane das Dorf verlässt, tut man gut daran,  den wehmütigen Abschied möglichst schnell in Vorfreude auf das nächste Jahr umzudeuten. Von all der mitgebrachten Energie bleibt immer etwas zurück – das möchte man beschwören.
Heiner Frost
Unbedingt ansehen: Wintergatan – Marble Machine auf Youtube.

zzzabreise02