Der Atem der Bücher

KRANENBURG. Das Buch ist verstaubt, aber ich habe es aufgehoben: „Tom Sawyers Abenteuer – eine Mississippi-Erzählung.“ Vorn, im Einband – eine Widmung: „Heinz Peter Frost als Anerkennung für seine Leistung im Vorlesewettbewerb. Rees, den 21. Januar 1969.“
Heinz Peter Frost – das bin ich. Es lässt sich schwer zurücktauchen in die Spannung von damals, aber an das Buchstabenungeheuer Mississippi kann ich mich noch erinnern. Mit Schrecken.
Jetzt – fast 50 Jahre später bin ich Juror beim Vorlesewettbewerb von Sparkasse, Niederrhein Nachrichten und der Buchhandlung Hintzen. Damals habe ich es in die Kreisausscheidung geschafft. Gelesen wurde im Weseler Bühnenhaus. Großes Theater also. Jetzt: Schulfinale in einem Klassenzimmer der St. Georg Grundschule in Nütterden. Es ist ein Donnerstag, 9.30 Uhr morgens. Zwei dritte Klassen sind angetreten, um zu hören, wie die sechs Besten vorlesen. Die Kandidaten haben fünf Minuten, um das Publikum eintauchen zu lassen – genau das ist Vorlesen. Was nützt schon ein toller Text, wenn er schwerfällig gelesen daher kommt? Natürlich: Lesen geht auch ohne Laut. Aber wenn gelesen wird, ist der Vorleser das Medium, der Mittler – die Leihstimme des Autors. Vorlesen ist der Atem der Bücher.
Alles Literarische beginnt mit dem Vorlesen. Lange bevor im eigenen Kopf Buchstaben einen Sinn bekommen, hat man Geschichten gehört: Oma, Opa, Mama, Papa, Onkel, Tante, machmal auch die Gechwister haben vorgelesen. Literatur ist die Welt im eigenen Kopf. Träume zwischen Buchdeckeln. Die sechs, die hier gleich vorlesen, müssen das nicht wissen. Aber: Sie müssen es können. Und sie können es. Fünf Minuten bleiben ihnen für die Reise in einen Text. Die Jury beurteilt Lesetechnik, Textgestaltung, Textverständnis. Am Ende werden Punkte addiert. Punkte sind leblos – was das Sextett nacheinander vorliest, ist das Gegenteil: Texte werden lebendig. Aus den Buchstaben auf dem Papier werden Betonungen, Hebungen, Senkungen, Pausen, Rhythmen.
Man müsste nicht sagen, dass die sechs hier längst Gewinner sind. Wer ein Buch aufschlägt und Geschichten einatmet, ist immer längst auf der Gewinnerstraße. Ich könnte die Titel meiner ersten Bücher alle noch hersagen. Wer am Ende aus zwei Parallelklassen den Weg ans Lesetischchen schafft, hat längst die zweite Stufe des Gewinnens erreicht.
Am Ende werden drei der sechs Vorleser eine Urkunde erhalten. Erfolge prägen. Die Jury: Sigrun Hintzen von der Klever Buchhandlung Hintzen, Thomas Janßen von der Sparkasse Kleve und ich. Es treten auf: Johanna Booth, Lukas Heesen, Nina Houben, Maik Jansen, Benjamin Spörkel und Paula Thissen. Jetzt gilt es. „Versprecher“, heißt es in der Beurteilungsanleitung für die Juroren, „werden nicht bewertet.“
Versprecher gibt es kaum. Dafür sechs junge Menschen, die ihre Sache ziemlich gut machen. Bewertungen sind eine schwierige Sache. Man hofft, dass die anderen in der Jury es sehen und empfinden wie man selbst. Meist geschieht dieses Wunder, dass am Ende nicht lange diskutiert oder gefochten werden muss.
Das Publikum: Mucksmäuschenstill. Konzentriert. Bei der Sache. Zwischendurch: Neugierige Schulterblicke: Die Jury sitzt ganz hinten. Die Bicke: Interessiert. Neugierig. Alle sechs Teilnehmer klettern ungefährdet ins Textmassiv. Vorlesen ist ein schwieriges Geschäft. Die Sechs wirken kaum nervös – lesen einfach los, bis von hinten der Satz fällt: „Deine fünf Minuten sind jetzt vorbei.“ Applaus. Sechs mal fünf Minuten. Dann gehen alle auf den Schulhof. Die Jury beginnt zu rechnen. Bei drei Juroren, die in jeweils drei Kategorien (siehe oben) jeweils bis zu fünf Punkte zu vergeben haben, fällt das Rechnen leicht. Es ist schnell addiert. Und es ist schnell klar. Ein unanfechtbarer erster Platz. Rang zwei und drei: Dichtauf aber deutlich. Urkunden werden ausgefüllt. Tinte trocknet. Die Urkunden werden verdeckt, damit nicht alle beim Reinkommen schon alles wissen. Dann: Hinaus auf den Schulhof. Gruppenfoto mit Lehrern. Später – drinnen – ein Foto mit Lehrern Jury und Siegern. Sieger ist Benjamin Spörkel vor Maik Jansen und Johanna Booth.
Irgendjemand müsste in 30 Jahren das Siegertrio anrufen und mal fragen, wie es weitergegangen ist im Leben. Meinereiner hat die Welt der Buchstaben zum Teil des Lebens gemacht. Alles hinterlässt Spuren und Lob macht stark.Heiner Frost