Beuteltiere, Bestien und Helden beim Haldern Pop


HALDERN. Es gibt kein schlechtes Festivalwetter, es gibt nur schlechte Kleidung. Wer auf dem Weg zum Haldern Pop 2011 weder Regen-Poncho noch Gummistiefel vergessen hatte, konnte demnach auch den „liquid sunshine“, wie der Ire schicksalsergeben sagt, getrost an sich abperlen lassen. Für die anderen sang der deutsche Popbarde Gisbert zu Knyphausen immerhin vom „Sommertag“. Und die Veranstalter gaben die Devise aus: „Wir teilen und das.“ Der Halderner Reitplatz gehörte ein Wochenende lang wieder 6.500 Freunden des Pop und Folk, die hier Helden, wilde Bestien und autralische Beuteltiere treffen wollten.


Die Lagerfeld-Muse Anna Calvi wärmte am Eröffnungsabend die Herzen der ersten Festivalbesucher im Spiegelzelt. Und war damit nur der Auftakt für eine Serie der starken Frauen. Denn das schwarzhaarige Energiebündel Miss Li aus Schweden machte nach dem schön melancholischen Knyphausen tags darauf Dampf auf der Hauptbühne. „Oh Boy“, klagte die Vokal-Ikone, die direkt aus dem New Orleans der 30er Jahre zu kommen scheint, bereits in der i-Pod-Werbung. In Haldern legte sie mit Jazz, Blues, Chanson, Blue Grass und Pop ein kleines Freudenfeuerwerk hin. Mit den Wombats folgten ruhigere Vertreter, die sich zwar dem Indie-Rock aber weniger der Publikumsbelustigung verschrieben hatten. Gleich drei Sängerinnen - Alex Winston in Begleitung ihrer Schwestern - ließen am Nachmittag des dritten Tages nochmal kurz die Sonne aufblitzen. „Don‘t care abount anything“ war ihre Devise und mit fröhlicher Ausgelassenheit versprühten sie mit ihrem glockenklaren Gesang Energie und gute Laune. Die war nötig, um später am Abend den wahrscheinlich längsten Soundcheck der Welt zu überstehen, bevor das seriös-skurille Projekt mit Tim Isford und dem John Grant Orchester bitterböse Texte mit tragendem Bariton verband. Geschmackssache, aber auch mal was ganz anderes.


Auf starke Auftritte musste man auch im Spiegelzelt nicht verzichten. Das Wiedersehen mit The Black Atlantic war ein gutes und auch Timber Timbre wussten, Atmosphäre zu schaffen. Gefährlich gut wurde es mit den Wild Beasts. Und die drei Auftritte in der St.-Georg-Kirche fielen allein schon wegen der Örtlichkeit positiv aus dem Rahmen.


Aus dem Rahmen fielen gewiss auch die fünf blechblasenden Bayern von La Brass Banda. In - natürlich - Lederhosen und barfuß überwanden sie erste Sprachbarrieren und brachten dann ihr Publikum zum springen. Ob als vermeindlich erste schwule Reggae-Band Jamaikas oder Blasmusiker vom Chiemsee - La Brass Banda machten Polka, Pop, Ska und Techno in einem Atemzug und richtig gute Laune. Höchst erfreut zeigte sich auch Judith unter den roten Lampenschirmen. Zehn Jahre mussten ins Land gehen, bevor auch Wir sind Helden nach Haldern kamen. „So ein schönes Festival habt Ihr hier“, schwärmte die groß gewordene Berliner Göre. Und vergaß trotzdem nicht einen kleinen Seitenhieb auf die Provinz, bevor Hunderte Helden-Fans zu „Nur ein Wort“, „Guten Tag“ und natürlich auch „Denkmal“ wie aus einem Mund mitsangen. Großartig - und irgendwie drehte sich eben alles um (Gummi)Stiefel - das Nancy-Sinatra-Zitat mit „These boots are made for walking“.


Weggelaufen waren zwar schon einige Musikliebhaber, bevor The Low Anthem, die nach ihrem tollen Spiegelzelt-Debüt letztes Jahr auf der Hauptbühne nun verloren wirkten, zur besten Sendezeit sehr leise Töne anschlugen. Wer aber noch ein bisschen Energie aufbringen konnte, wurde anschließend mit den feinen Folk-Rock-Melodien der Fleet Foxes belohnt. Explosions in the Sky, Suuns und Agnes Obel empfingen die Haldern-Gäste auf der Zielgeraden eines langen Festival-Marathons. Aber trotzdem, mit Gummistiefeln an den Füßen und diesem einen Song von Miss Li im Ohr - nach drei verregneten Festivaltagen blieb noch eins zu tun: „Dancing the whole way home“.

Nina Meyer

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