Wie ein langsamer Walzer

GELDERN. Innen und außen, Netzstrumpfhosen und Herrenanzüge – das 12. Turmstipedium im Gelderner Wasserturm steht ganz im Zeichen der Gegensätze. Die niederländische Künstlerin Elaine Vis und ihre südafrikanische Kollegin Heidi Sincuba leben und arbeiten vier Wochen lang in dem inspirierenden Bauwerk am Bahnhof. Als Stipendiatinnen des Kunstvereins Gelderland, des Vereins KUHnst Turm Niederrhein und der Freizeit-Künstler Geldern erleben die beiden noch bis 3. September eine kreative, wenngleich arbeitsreiche Auszeit.
Heidi Sincubas Arbeit führt sie zurück nach Südafrika, wo die Menschen inmitten von Kunst in Form traditioneller Wandbilder leben. Im Gegensatz dazu stehen die weißen und sterilen Ausstellungshallen in Europa. Heidis erster Eindruck vom Wasserturm: „Er sieht aus wie die traditionellen Gebäude bei mir zu Hause.“ Die Architektur regte die junge Frau an, sich mit dem Kontrast von Innen und Außen zu befassen, mit Strukturen, die sich als Form in der Form in der Form selber spiegeln.
Heidis erster Raum ist dem Außen, dem Schönen, gewidmet in einem gemalten Mix aus Barock, Pop und afrikanischer Tradition. Katholizismus findet hier ebenso Platz wie Heidis Sicht auf das Werk des barocken Malers Caravaggio, das sie frech als Beispiel für „people‘s fucked-upness“ und eine nur scheinbare Harmonie beschreibt. Der Weg in ihren zweiten Raum in der Turmspitze führt in die Hölle, die Heidi in den Himmel verlegt. Hier siedelt die Künstlerin das Innen und das Hässliche an, hier zeigt sie Zeichnungen persönlicher Gedanken und Flashbacks voller Blut, Gewalt und Folterszenen. „Ich will eine Geschichte erfinden von einem schrecklichen gewaltsamen Ereignis, das hier in diesem Raum stattgefunden haben könnte“, spielt sie auf das besondere Ambiente des obersten der fünf Turmräume an. „Schönheit und Hässlichkeit sind untrennbar, komplex und kompliziert, so ist die Realität“, sagt sie.
Zwischen Heidis Innen und Außen liegt die fantastische Walzer-Welt von Elaine Vis. Ihren ersten Raum beherrscht eine große schwebende Installation, die ganz bewusst den Eindruck des Gebastelten vermitteln soll. Aber auch Verführung liegt in der Luft: Nester aus Kartonstreifen, Nylonstrumpfhosen wie Puppenbeine blitzen daraus hervor. Kästen, mit dem feinen Stoff von Herrenanzügen bespannt, kleben an der schwarz gestrichenen Wand. „Im ersten Moment habe ich an einen langsamen Walzer gedacht. Der ist für mich eine Metapher für das Leben. Das Männliche und das Weibliche versuchen zusammen zu kommen, aber man kann sich dabei auf die Zehen treten“, erklärt die Künstlerin. Die dritte Etage belässt Elaine Vis nahezu im Originalzustand. Hier thront eine mächtige Rohrkonstruktion. „Ich möchte betonen, was schon da ist“, sagt die Künstlerin. Und im schwarz-weißen Raum entdeckt ihr feines Auge zig Farben, deren Namen sie an dünnen Drähten befestigen möchte. „Wieder ein Kontrast: unten Gebasteltes, hier Exaktes“, stellt die Künstlerin heraus.
Ab Sonntag, 4. September, sind die Ergebnisse der kreativen Auszeit im Wasserturm in einer eigenen Ausstellung zu sehen. Eröffnung ist dann ab 12 Uhr, weitere Öffnungszeiten sind bis einschließlich 25. September samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr und nach Absprache unter Telefon 02831/1563. Aber bereits zuvor sind Gäste, die die beiden Frauen und ihre Arbeit kennen lernen möchten, im Wasserturm willkommen
Nina Meyer

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