Straßen sprechen und Fassaden haben Gesichter


GOCH. Amsterdam, Florenz, Madrid sprühen vor Lebensfreude. Goch kann das auch! Davon ist Roland Günter fest überzeugt. Bei seinen Gedanken zur Gestaltung der ehemaligen Reichswaldkaserne lässt er Straßen sprechen und gibt Fassaden Gesichter. Der Leiter des Deutschen Werkbundes hat schon viele Länder und Städte mit Atmosphäre besucht und darüber hinaus 450 Publikationen zum Thema Stadtgestaltung veröffentlicht.



Auch den zweiten Workshop im Bürgerwerkstattverfahren „miteinander Stadt gestalten“ hat Professor Dr. Roland Günter diesmal zusammen mit dem Architekten Niklaus Fritschi begleitet und im Gebäude 6 der ehemaligen Kaserne anhand eines Bildervortrags Anregungen gegeben, wie die „Straßen, Plätze und Freiräume“ in diesem neuen Stadtviertel einmal aussehen könnten.


Von A wie Allee über B wie Baumhaus bis hin zu Z wie Zentrum versetzte er die Teilnehmer auch ein bisschen in Urlaubsstimmung. „Die sinnlichen Aspekte“, beklagt er, „werden in der deutschen Stadtplanung meist ignoriert.“ Und deshalb regt er in der Ideensammlung für die Straßen und Plätze im Quartier an „wie ein Kind zu denken!“ Altenplätze und Spielbereiche können ineinander greifen. „Und warum müssen Baumhäuser immer nur für Kinder sein“?, fragt er sich.


Andere Städte und fremde Länder können bei der Gestaltung der leer stehenden Kaserne Vorbilder sein. „Auch Maastricht“, sagt Roland Günter, „hat 15 Jahre gebraucht, um von einer grauen Maus zu einer der angesehensten Städte zu werden.“ Bis hier auf dem 22 Hektar großen Kasernengelände gebaut wird, „kann es noch relativ lange dauern“, meinte auch der Stadtbaurat Klaus Krantz in dem Workshop II „Frei!Raum!Stadt!“ Noch befindet sich das gesamte Werkstattverfahren in der ersten Phase: der Ideensammlung.
Und so könnten auch im neuen Gocher Stadtviertel irgendwann Fassaden „sprechen“. „Denn mit Fenstern und Türen sehen sie aus wie Gesichter“, so Roland Günter. Fenster können um die Ecke gebaut sein. Oder groß sein wie Türen. „Niedrige Fensterbänke“, so Professor Dr. Günter, „ermöglichen Gespräche auf der Straße.“ Denn Begegnung, das ergab schon Werkstatt I, ist ein scheinbar wichtiger Faktor!


Parallel zu den Werkstattteams habe sich eine Planungsgruppe gegründet, die die vorläufigen Ergebnisse der einzelnen Workshops sichtet und auswertet: Eine „Idylle“ sei offensichtlich gewünscht, ein Leben „wie in früheren Zeiten“, ähnlich einer Dorfsituation in einem engen Miteinander.
„Eine Straße“, so Roland Günter, „ist nicht nur Straße.“ Ist der Bürgersteig breit genug, lassen sich hierauf sogar Feste feiern. „Straßen haben Stimmungen“ sagt er. Plätze auch. Auf die Gestaltung komme es eben an. Brunnen können ihren ganz eigenen Beitrag leisten. Oder Balkone, die mehr sind als eine Bretterwand. Sondern eine szenische Situation ermöglichen. Loggien lassen Häuser schweben und Fassaden können Räume werden. „Kitsch“, sagt Dr. Roland Günter, „gibt es nicht!“ Das sei nur die Erfindung denkfauler Leute!“ Die Kunst zu leben, findet er, „das kann jeder!“ Auch in Goch.


Das Werkstattverfahren ist „ein sehr offenes“, so Sandra Schleß vom Kommunalbetrieb. Sie ist die Ansprechpartnerin für alle Werkstattangelegenheiten. Weitere Themenworkshops können im Gesamtprozess eingebunden werden. Anhand der bisherigen Diskussion werden bereits Abende für Senioren und für den Handel in Goch zusätzlich ins Leben gerufen. Bislang haben 250 Personen an den Werkstätten teilgenommen, 180 waren bei Führungen über das Gelände dabei.
An der Werkstatt IV, die am kommenden Wochenende beginnt, werden sich vier Schulen beteiligen und weitere Führungen sind geplant. Bürger haben gemalt und ganze Modelle entworfen. Am Ende des Sommers wird noch einmal eine öffentliche Diskussion über alle städtebaulichen Ergebnisse stattfinden. Der Weg bis zum ersten Spatenstich „ist jedoch noch relativ weit“, meint der Stadtbaurat Klaus Krantz.

Stefanie Deckers





 
 





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