Ausbruch aus dem Teufelskreis

Ausbruch aus dem Teufelskreis

Jahrelang lebte Holger Heckrens als Wohnungsloser auf der Straße – wie ihm geht es mehr Menschen im Kreis Kleve, als viele denken.

Die Arbeit in der Klosterpforte gibt dem Tag von Holger Heckrens Struktur – „das ist sehr wichtig“, sagt er selbst. NN-Foto: Rüdiger Dehnen

KREIS KLEVE. Die Zahlen sind dramatisch: Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) haben derzeit 52.000 Personen keine feste Bleibe, nicht einmal einen Platz in einer Notunterkunft. Rund 420.000 Menschen lebten im vergangenen Jahr in Deutschland in solchen Unterkünften oder kommunalen Übernachtungsstätten. „Wohnungslosigkeit ist auch bei uns im ländlichen Raum ein Thema“, weiß Petra Hermsen-Beyer von der Wohnungslosenhilfe des Caritasverbandes Kleve. „Im Kreis Kleve herrscht eine klare Wohnungsnot für Menschen mit geringem Einkommen.“

Mehr als 25.000 Menschen sind in Nordrhein-Westfalen wohnungslos. Einer, der weiß, wie es ist, ohne ein Dach über dem Kopf zu leben, ist Holger Heckrens (46). Mehrere Jahre saß der gebürtige Kevelaerer im Vollzug in Kleve und Geldern-Pont, unter anderem wegen Drogendelikten. Nach seiner Entlassung stand er ohne festen Wohnsitz auf der Straße. „Es war eine harte Zeit“, erinnert er sich. „Ich habe auf der Straße gelebt und alle Tricks und Kniffe gelernt, um dort zu überleben. Diejenigen, die sie mir gezeigt haben, leben heute nicht mehr.“

Die Nächte verbrachte er in städtischen Unterkünften („Das ging gar nicht, jeden Tag kam die Polizei“), einige Zeit wohnte er bei den Emmaus-Brüdern („Das hat nicht funktioniert, die waren mir zu religiös“) – immer auf der Suche nach einer Wohnung und nach Arbeit. Beides ohne Erfolg. „Auf dem Wohnungsmarkt habe ich aber nichts gefunden: Entweder waren die Wohnungen zu groß oder zu teuer“, sagt Heckrens. Auch einen Job fand er nicht, obwohl er im Vollzug Landschaftsgärtner und Industrieschweißer gelernt hatte. Das Problem: Er steckte mitten im viel zitierten Teufelskreis: „Ohne Wohnung keine Arbeit – ohne Arbeit keine Wohnung.“

Letztlich half ihm ein Fahrrad dabei, den Teufelskreis zu durchbrechen. „Ich habe mir gesagt: Hierbleiben geht nicht. Also habe ich mir ein halbes Jahr nach meiner Entlassung ein Fahrrad gekauft, einen Rucksack und ein Zelt und bin losgeradelt.“ Ohne bestimmtes Ziel, dafür mit dem Ergebnis, einige Monate später weg von den Drogen zu sein. „Mein Fahrrad hat mir das Leben gerettet“, sagt Heckrens.

Sein Weg führte ihn zunächst nach Norddeutschland, dann ging es weiter nach Tschechien, Frankreich, in die Niederlande und nach Belgien. „Ich habe dort gearbeitet“, erzählt Heckrens. In den Sommermonaten schloss er sich oft Arbeiterkolonnen an und half bei der Obsternte, ansonsten arbeitete er beispielsweise auf Bauernhöfen und mistete die Ställe aus. „So hatte ich teilweise 400 Euro in der Woche zur Verfügung – zusammen mit meinem Zelt und meinem Gaskocher reichte mir das völlig, ich habe auch immer einen Teil zur Seite gelegt und mein Geld so gut es ging zusammengehalten. Dafür habe ich aber auch zehn bis elf Stunden am Tag gearbeitet.“

Die vergangenen zwei Jahren verbrachte Heckrens dann wieder am Niederrhein, pendelte zwischen Kempen „(Dort habe ich meine Bezüge erhalten“), Kleve, Xanten und Wesel – und lebte weiter im Zelt. „Ich habe Pfandflaschen gesammelt, so kamen jeden Tag 30 bis 40 Euro zusammen.“ Doch allein ums Geld ging es ihm dabei nicht: „Auch als Wohnungsloser braucht man einen Tagesrhythmus, sonst versumpft man.“

Dem Bild des „typischen“ Obdachlosen, das in vielen Köpfen existiert, entsprach Heckrens nie. Er habe stets auf Hygiene geachtet („Beim Flaschensammeln habe ich immer Handschuhe getragen“), sei auch nicht abschätzig angesehen oder behandelt worden. Allerdings: „Unschöne Vorfälle gab es trotzdem.“ So habe ihn in Kempen eine Frau, vor deren Laden er sich bei Regen untergestellt hatte, als „Penner“ beschimpft, er solle verschwinden. „Ich habe sie daraufhin ‚blöde Kuh‘ genannt“, sagt Heckrens. Sie hat dann Anzeige erstattet. Da es keine Zeugen gab, wurde ihrer Aussage geglaubt, und jetzt muss ich 650 Euro Strafe zahlen.“ Auf der anderen Seite habe er auch viele nette und hilfsbereite Menschen kennengelernt. „An der Hochschule in Kleve haben die Studenten sogar Flaschen bei Partys für mich gesammelt“, erzählt Heckrens.

Vor kurzem hat sich das Leben von Holger Heckrens nun sehr verändert: Seit 1. Oktober hat er in Kalkar eine Wohnung gefunden, vermittelt durch einen örtlichen Politiker. Anfangs habe er noch diese innere Unruhe gespürt, den Drang immer weiterzuziehen. Das hat sich inzwischen gelegt. „Jetzt habe ich einen festen Raum, in den ich zurückkehren kann. Es ist auch genau zum richtigen Zeitpunkt passiert, das merke ich. Denn das Leben auf der Straße geht wirklich auf die Knochen.“

Fachberatung
Im vergangenen Jahr wurden die beiden Standorte der Fachberatungsstelle (FBS) Wohnungslosenhilfe des Caritasverbandes in Kleve und Geldern von 385 Personen aufgesucht (im Jahr 2015 waren es 417, in 2014 420).
259 Ratsuchende wurden in Kleve und 126 in Geldern erfasst. Damit ist die Auslastung der FBS im Vergleich zu anderen Kreisen hoch.
Ansprechpartnerin für die FBS ist Petra Hermsen-Beyer, Telefon 02821/7209756, E-Mail p.hermsen-beyer@caritas-kleve.de

Inzwischen arbeitet Heckrens als ehrenamtlicher Helfer in der Klosterpforte in Kleve. „Ich bin jeden Tag von morgens bis nachmittags da und erledige alle Arbeiten, die so anfallen.“ Diese Beschäftigung gebe seinem Tag Struktur, was ihm sehr wichtig sei. „Denn arbeiten darf ich nicht mehr.“ Nach einem Schulterbruch kann er den linken Arm nicht mehr belasten, bekommt eine EU-Rente von 188 Euro. „Mit dem Geld vom Sozialamt habe ich 404 Euro im Monat zum Leben“, rechnet Heckrens vor. „Das ist das Existenzminimum“, sagt Petra Hermsen-Beyer. Große Sprünge sind damit nicht möglich, zumal Heckrens jeden Monat 104 Euro dafür bezahlt, um mit dem Bus nach Kleve zur Klosterpforte zu fahren. „Ich warte noch auf den Bewilligungsbescheid für das Sozialticket.“ Auf das er nach der jüngsten Kehrtwende der schwarz-gelben NRW-Landesregierung nun weiter Anspruch hat.

Pläne hat der 46-Jährige aber sehr wohl: „Im Sommer möchte ich wieder mit dem Rad in Richtung Mosel, vielleicht auch nach Paris fahren.“ Fahrrad, Zelt, Rucksack und Schlafsack hat er behalten. „Und irgendwann möchte ich auch einmal den Jakobsweg gehen.“ Heckrens betont: „Ich will nicht abhauen – ich brauche nur diese Freiheit.“

Zwar sei Holger Heckrens nicht wie die meisten ihrer Klienten „akut wohnungslos“, wie Petra Hermsen-Beyer erläutert, sondern „nicht sesshaft“. Und trotzdem ist er ein Beispiel für ein grundsätzliches und großes Problem in Deutschland und eben auch im Kreis Kleve: Die Wohnungslosenzahlen sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Gleichzeitig ist immer mehr sozialer Wohnraum weggefallen, ohne dass entsprechend nachgebaut wurde.“ Zwar muss jede Stadt Unterbringungsmöglichkeiten für Wohnungslose vorhalten. „Die Zustände sind mitunter jedoch sehr grenzwertig bis wirklich schlimm“, sagt Hermsen-Beyer. „Bei manchen dieser WGs gibt es noch nicht einmal eine Trennung von Frauen und Männern.“

In Kleve beispielsweise hat sich zuletzt eine weitere Situation entwickelt, die Hermsen-Beyer sehr kritisch sieht: „Hier stehen Wohnungslose, Studenten und anerkannte Flüchtlinge auf dem Wohnungsmarkt in ‚Konkurrenz‘ zueinander. Diese Menschen fühlen sich gegeneinander ausgespielt.“

Wie es ihm in der Zeit nach seiner Entlassung aus dem Vollzug ging, als er in die Wohnungslosigkeit kam, weiß Holger Heckrens noch sehr gut: „Ich hatte das Gefühl, durchs Raster gefallen zu sein.“ Er habe zwar nie Neid verspürt oder das Gefühl gehabt, dass ihm etwas fehle. „Aber im Rückblick muss ich ganz deutlich sagen: Der Staat könnte mehr tun für Menschen wie mich.“