Ausbildung in Teilzeit: Das Programm TEP schafft neue Perspektiven

NIEDERRHEIN. Ausbildung trotz Kind? Ist durchaus machbar. Weiß Susann Kersten, die beim SOS Kinderdorf Nieder­rhein für das vom Land NRW mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanzierte Programm TEP zuständig ist. TEP steht für „Teilzeitberufsausbildung: Einstieg begleiten – Perspektiven öffnen“ und will vor allem jungen Müttern und Vätern helfen, für die eine „normale“ Lehre aus zeitlichen Gründen nicht in Frage kommt. „Schließlich ist der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften hoch“, sagt Kersten und würde sich wünschen, dass mehr Arbeitgeber diese Form der Berufsausbildung unterstützen.

Eine runde Sache für alle Beteiligten ist die Teilzeitausbildung. Über die gelungene Zusammenarbeit freuen sich (v.l.) Susann Kersten, Julia Matthaei, Lara Schäffer und Lisa Jacobs.NN-Foto: R. Dehnen
Eine runde Sache für alle Beteiligten ist die Teilzeitausbildung. Über die gelungene Zusammenarbeit freuen sich (v.l.) Susann Kersten, Julia Matthaei, Lara Schäffer und Lisa Jacobs. NN-Foto: R. Dehnen

Für Barbara Jacobs und ihre beiden Töchter Lara Schäffer und Lisa Jacobs ist das ebenfalls gar keine Frage. Ausbildung trotz Kind? Das geht. Und sogar sehr gut. „Wir haben bereits gute Erfahrungen mit Frauen gemacht, die eine Ausbildung in Teilzeit absolvieren“, sagt Lisa Jacobs. „Das sind Frauen, die im Leben stehen und arbeiten können – sie führen schon einen eigenen Haushalt und wissen die Chance zu nutzen“, weiß sie.

Familie unterstützt

Seit August letzten Jahres absolviert die alleinerziehende Mutter Julia Matthaei im Biomarkt der Familie Jacobs eine vollzeitnahe Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau. Die 24-Jährige arbeitet 30 Stunden in der Woche, inklusive Berufsschule. Ihre fünfjährige Tochter Nisha ist währenddessen in der Kindertagesstätte – oder wird von der Familie betreut. „Das ist wichtig“, sagt Susann Kersten und betont, dass Menschen aus dem persönlichen Umfeld mithelfen und notfalls auch mal einspringen sollten.

Für Julia Matthaei ist die Ausbildungsstelle im Biomarkt ein echter Glückstreffer. „Das ist genau das, was mir liegt und zu mir passt“, sagt die junge Frau, die sich nach der Schule zunächst mit Aushilfsjobs beholfen hat und sich nach der Geburt der Tochter ganz bewusst auf Nisha konzentriert hat. „Meine Tante hatte mich auf die Möglichkeit einer Teilzeitausbildung aufmerksam gemacht und als ich dann im Bioladen nach einem Job gefragt habe, hat Frau Jacobs mich an das SOS Kinderdorf verwiesen“, erzählt Matthaei, wie der Stein ins Rollen kam.

Nach dem ersten Gespräch mit Susann Kersten war auch für Julia Matthaei klar, dass sie die Herausforderung annehmen will. „Vorher hätte ich mir gar nicht vorstellen können, dass das klappen kann, aber bis jetzt ist alles gut gelaufen – auch, wenn man manchmal an seine Grenzen stößt.“
Mit der Reform des Berufsausbildungsgesetzes im Jahr 2005 wurde die Möglichkeit der Teilzeitausbildung rechtlich geregelt. Bei der Teilzeitausbildung kann die tägliche oder wöchentliche betriebliche Ausbildungszeit gekürzt werden. „Man sollte um die 30 Stunden in der Woche, inklusive Berufsschule, schaffen“, sagt Susann Kersten. Die Ausbildung müsse klare Priorität haben. „Nebenbei funktioniert das nicht“, ist ihre Erfahrung.

Kontakt
Kreis Kleve: SOS-Kinderdorf Niederrhein, Susann Kersten, Telefon 02821/ 71385264
Kreis Wesel: Fachwerk Kreis Wesel, Beate Schnitzler, Telefon 02841/ 9813304

An dem Projekt teilnehmen können Frauen und Männer, die entweder Kinder unter 15 Jahren im Haushalt versorgen oder Angehörige pflegen. Angesprochen sind nicht nur junge Menschen, die nach der Schule keine Ausbildung begonnen oder nicht beendet haben, sondern auch „klassische Wiedereinsteiger“, wie Kersten betont. „Das sind Mütter oder Väter, die ihre Familienphase beenden und mit einer Ausbildung noch einmal neu durchstarten möchten“, erklärt sie. Die Förderung gibt es zum Beispiel auch dann, wenn sich der erlernte Beruf nicht mit den familiären Verpflichtungen vereinbaren lässt.

Die Teilnahme am TEP-Programm ist auf maximal zwölf Monate begrenzt. Ganz am Anfang steht ein erstes Gespräch. „Der Bewerber kann für sich klären, ob die Teilzeitberufsausbildung für ihn in Frage kommt – und wir stellen fest, ob er auch geeignet ist“, erklärt Susann Kersten. Für sie sei es wichtig, dass man „gut im Leben“ stehe und nicht zu sehr an die Hand genommen werden müsse. „Man merkt schnell, ob es der richtige Zeitpunkt ist oder man besser noch wartet.“

Das eigentliche Projekt ist schließlich in zwei Phasen unterteilt. In der Vorbereitungsphase gibt es ein individuelles Coaching – von der Lebenslaufbesprechung bis zur Erstellung der Bewerbungsmappe und der Organsiation einer verlässlichen Kinderbetreuung. Daran schließt sich mit Beginn der Ausbildung die „Begleitphase“ an, in der Susann Kersten sowohl für den Auszubildenden als auch für den Arbeitgeber als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht.

Dass auch die Arbeitgeber von dem Modell Teilzeitberufsausbildung profitieren, möchte Susann Kersten besonders hervorheben. „Mütter und Väter mit Kindern bringen wichtige Kompetenzen mit“, sagt sie. Verantwortungsbewusstsein, Organisationstalent, Zeitmanagement, Stressbelastbarkeit, Zuverlässigkeit – für Eltern keine Fremdworte. „Oft hilft es ihnen schon, wenn sie morgens eine halbe Stunde später anfangen oder nachmittags früher gehen können“, weiß Kersten. Denn die Betreuung der Kinder lässt sich nur selten mit den üblichen Ausbildungszeiten vereinbaren.

Hürde Berufsschule

Je nach Wahl könne auch die Berufsschule zur unüberwindbaren Hürde werden – zum Beispiel, wenn Blockunterricht üblich ist und sich das nicht organisieren lässt. Denn der Berufsschulunterricht ist von der Teilzeit-Regelung ausgenommen und findet wie im Fall einer Vollzeitausbildung statt. „Solche Dinge klären wir vor Beginn der Ausbildung“, nennt Kersten einen weiteren Aspekt des Projekts.

Auch die Frage der Finanzierung wird im Vorfeld geklärt und bei Bedarf gibt es Unterstützung, wenn etwas mit den Behörden geregelt werden muss. Ebenso wichtig sei, das Betrieb und Auszubildender zueinander passen – „aber das lässt sich durch ein vorgeschaltetes Praktikum meist schnell erkennen“. So war es auch bei Julia Matthaei und der Familie Jacobs. Vier Wochen lang haben sich beide Seiten – Arbeitgeber und Arbeitnehmer – „beschnuppert“ und dann stand fest: Wir schaffen das gemeinsam.